Bildschaffende zwischen Foto, Film und KI

Die Fotografie befindet sich seit einigen Jahren in einem tiefgreifenden Wandel. Längst reicht es für viele Auftraggeber nicht mehr aus, ausschließlich fotografische Arbeiten anzubieten. Besonders im Bereich Social Media und im Unternehmenskontext gewinnen kurze Filmformate zunehmend an Bedeutung. Wer als Fotograf diese Entwicklung ignoriert, wird es künftig schwer haben, sich am Markt zu behaupten.

Wie KI den Beruf Fotograf verändert
Parallel dazu verändert auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz das Berufsbild nachhaltig. Aus dem klassischen Fotografen wird mehr und mehr ein „Bildschaffender“ – jemand, der verschiedene visuelle Werkzeuge souverän kombiniert. Fotografie, KI-generierte Bilder und Bewegtbild wachsen zusammen und erweitern die gestalterischen Möglichkeiten erheblich.

Ähnlich wie einst Bildbearbeitungsprogramme wie Adobe Photoshop zunächst als Bedrohung wahrgenommen wurden, sich letztlich aber als unverzichtbares Werkzeug etabliert haben, wird auch KI ihren festen Platz im kreativen Prozess finden. Ergänzt um Film- und Schnittsoftware entsteht so ein erweitertes Handwerkszeug, das heute bereits in vielen Bereichen selbstverständlich genutzt wird.

KI allein erschafft keine brauchbaren Bilder
Dabei bleibt eine zentrale Erkenntnis bestehen: Technik allein erzeugt noch keine überzeugenden Bilder. Entscheidend ist die Fähigkeit, visuelle Inhalte zu konzipieren und gezielt einzusetzen. Jeder Bildschaffende muss sich darüber klar werden, was erzählt werden soll, für wen und mit welchem Medium. Erst daraus ergibt sich die Wahl der passenden Mittel – sei es Fotografie, KI oder ein hybrider Ansatz.

Der kreative Prozess beginnt also weiterhin im Kopf. Eine starke Idee, ein klares Konzept und ein Verständnis für Bildsprache sind durch keine Technologie zu ersetzen. Auch der Umgang mit KI erfordert genau diese Fähigkeiten: Ein sogenannter Prompt ist letztlich nichts anderes als eine präzise formulierte Bildidee.
 
 
KI und Film | Ein Diplomprojekt
Ein aktuelles Diplomprojekt an der Fotoakademie-Koeln zeigt exemplarisch, wie sich diese neuen Anforderungen miteinander verbinden lassen:
„Karl“ – ein Film von Michael Winter.

Der Film vereint zwei zentrale Kompetenzen moderner Bildschaffender: die Arbeit mit Bewegtbild und den gezielten Einsatz von KI.
Im Mittelpunkt steht das Korsakow-Syndrom – eine Erkrankung, die häufig durch langjährigen Alkoholkonsum verursacht wird und das Kurzzeitgedächtnis massiv beeinträchtigt. Betroffene verlieren die Fähigkeit, neue Erinnerungen zu bilden, und erleben ihre Umwelt als fragmentiert und schwer einzuordnen.

Die Diplomidee | Ein Ausgangspunkt
Ausgangspunkt des Projekts von Michael ist eine historische und gesellschaftliche Perspektive: In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war Alkoholismus in Deutschland weit verbreitet – oft als Folge unverarbeiteter Kriegserfahrungen und fehlender psychologischer Aufarbeitung.
Vor diesem Hintergrund entwickelt er den künstlerische Ansatz, sich dem Thema nicht dokumentarisch, sondern erzählerisch und emotional zu nähern.

Konzeptionsphase
Früh entstand die Idee, das Thema als Film umzusetzen. Die Erkrankung ist geprägt von einem schleichenden Verlauf und einer zunehmenden Desorientierung in Zeit und Raum – Aspekte, die sich besonders gut im Medium Film darstellen lassen.
Ziel war es, den Zuschauer nicht nur zu informieren, sondern ihn in einen ähnlichen Zustand der Orientierungslosigkeit zu versetzen. Erinnerungen, Gegenwart und subjektive Wahrnehmung sollten miteinander verschwimmen. In der medizinischen Fachsprache spricht man hier vom „Konfabulieren“ – dem unbewussten Ergänzen fehlender Erinnerungen durch vorhandene Gedächtnisinhalte.

Die Bildideen
Im Zentrum steht die Figur „Karl“, deren Leben in fragmentierten Bildern erzählt wird. Szenen aus Kindheit, Erwachsenenalter und Gegenwart im Pflegeheim werden miteinander verwoben. Wiederkehrende Motive – etwa das „an der Hand geführt werden“ – verbinden die verschiedenen Zeitebenen miteinander und schaffen visuelle Kontinuität.
Die Herausforderung bestand darin, für typische Verhaltensweisen des Krankheitsbildes – wie Aggression, Ohnmacht oder Rückzug – passende Bildübersetzungen zu finden.

KI als Werkzeug der Bildgenerierung
Die Umsetzung dieser komplexen Bildwelt wäre mit klassischer Fotografie kaum realisierbar gewesen. Zu viele Schauplätze, zu viele Zeitstufen und ein enormer Produktionsaufwand machten den Einsatz von KI zur logischen Konsequenz.
Besonders anspruchsvoll war es, die Hauptfigur über alle Lebensphasen hinweg visuell konsistent darzustellen – vom Kind über den Erwachsenen bis hin zum alten, von Krankheit gezeichneten Mann. Erst nach intensiver Arbeit konnten rund 100 zusammenhängende Bildmotive generiert werden.
Jedes einzelne Bild basierte auf einem detaillierten Prompt, der Szene, Stimmung, Perspektive und Stil exakt definierte.

Vom Bild zum Film
Im nächsten Schritt wurden die generierten Bilder zu kurzen Animationen weiterentwickelt. Auch hier war Präzision gefragt: Jede Bewegung, jede Veränderung musste bewusst definiert werden.
Anschließend erfolgte der Schnitt in DaVinci Resolve. Dabei spielte insbesondere das Timing eine entscheidende Rolle. Während zu Beginn noch ruhige Bildfolgen Orientierung bieten, steigert sich die visuelle Verdichtung im Verlauf des Films zunehmend. Schnitte werden schneller, Bildabfolgen fragmentierter – bis hin zu einer bewusst überfordernden Verdichtung am Ende.
So wird der Krankheitsverlauf nicht nur erzählt, sondern erfahrbar gemacht.

Fazit: KI ersetzt keine Kreativität
Das Projekt zeigt eindrücklich, dass KI ein leistungsfähiges Werkzeug ist – jedoch kein Ersatz für kreative Entscheidungen. Bildaufbau, Lichtwirkung, Dramaturgie und inhaltliche Aussage bleiben weiterhin in der Verantwortung des Bildschaffenden.
Auch in Zukunft wird es darum gehen, Geschichten zu entwickeln und visuell präzise umzusetzen. Die eingesetzten Werkzeuge mögen sich verändern – die grundlegenden Anforderungen an Kreativität, Konzeptionsstärke und Bildverständnis bleiben bestehen, wie Michael in seiner Abschlussarbeit eindrucksvoll zeigt.

Genau hier setzt die Ausbildung an: Sie vermittelt nicht nur technische Fähigkeiten, sondern vor allem die Kompetenz, visuelle Inhalte bewusst zu gestalten – unabhängig davon, ob mit Kamera, Software oder KI.

Ich wir sagen Michael herzlichen Dank für seine engagierte Arbeit und das wir diese betreuen durften.